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Ich erinnere
mich noch mit äußerster Deutlichkeit an diesen ersten Besuch.
(1911)
Fünf schmalgewundene Treppen eines unscheinbaren Hauses nahe
dem Boulevard Montparnasse empor, und schon vor der Türe fühlte
ich eine besondere Stille, man hörte das Brausen des Boulevards
kaum mehr als den Wind, der unter den Fenstern durch die Bäume
eines alten Klostergartens strich.
Rolland tat mir auf und führte mich in sein kleines, mit Büchern
bis zur Decke vollgeräumtes Gemach; zum erstenmal sah ich
in seine merkwürdig leuchtenden blauen Augen, die klarsten
und zugleich gütigsten Augen, die ich je an einem Menschen
gesehen. ...
Ich beobachtete etwas ängstlich seine Gestalt. Sehr hoch und
schlank, ging er ein wenig gebückt, als hätten die unzähligen
Stunden am Schreibtisch ihm den Nacken gebeugt; er sah eher
kränklich aus mit seinen scharfgeschnittenen Zügen bleichster
Farbe. Er sprach sehr leise, wie er überhaupt seinen Körper
auf das äußerste schonte; er ging fast nie spazieren, aß wenig,
trank und rauchte nicht, vermied jede körperliche Anspannung,
aber mit Bewunderung mußte ich später erkennen, welche ungeheure
Ausdauer diesem asketischen Leibe innewohnte, welche geistige
Arbeitskraft hinter dieser scheinbaren Schwäche lag. ...
Ich war mir bewußt, daß mit diesem Freunde der wichtigste
Mann dieser unserer Weltstunde mir gegenüberstand, daß es
das moralische Gewissen Europas war, das zu mir sprach.
Stefan
Zweig: Die Welt von gestern.
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